Dienstag, 31. März 2009

Vaterschaftstest


Lucy, das jüngste Mitglied der Memminger Familie R., war unverkennbar schwanger. Von ihr selbst war nicht zu erfahren, wie es dazu gekommen war. Sie sah nur mit traurigen Augen Frau R. an und sagte kein Wort. Doch die Familie wollte den Schuldigen finden. In Frage kamen zwei Typen in der Nachbarschaft, der eine ein Angeber, der andere ein Schmeichler und Anschmieger. Doch auch diese beiden verweigerten jede Auskunft. Als der Nachwuchs da war, wollte Frau R. Gewissheit. Sie ging vor Gericht. Das LG Memmingen ließ bei beiden Verdächtigen einen Vaterschaftstest durchführen. Das Verfahren wurde eingestellt. Eine Frau R., teilte das Gericht mit, sei der Überzeugung gewesen, dass die von ihrer Hündin geworfenen Welpen den Nachbarhunden sehr ähnlich sähen. Die Unschuld beider Rüden sei aber durch ein Gutachten bewiesen worden.

Montag, 30. März 2009

Siddharta


Nach wie vor ist Hermann Hesses Siddharta ein lesenswertes Buch. Aber die Faszination, die es auf Generationen junger Intellektueller ausgeübt hat, ist kaum noch begreiflich. Der hohe Predigerton, um die vorletzte Jahrhundertwende als poetische Kunstsprache en vogue, wirkt heutzutage gestelzt und gespreizt. Die Ausblendung von allen Konflikten, die Ignorierung von Schmutz und Bosheit macht diese indische Biografie zu einem blutleeren Essay. Und doch: Wenn man Siddharta nicht als Roman, sondern als märchenhaftes Lehrstück über den Sinn des Lebens nimmt, wenn man sich auf Stil und Thema einlässt, hat man immer noch seine Freude dran. Ja, man wird ein wenig melancholisch ob der verlorenen Unschuld. Heute würde ein solches Buch von der Literaturkritik als Kitsch deklariert und sein Autor verhöhnt. Um einen Menschen auf seinem Weg zur Heiligkeit zu begleiten, muss man Skepsis und Zynismus beiseite lassen. Können wir das noch? Wir haben verlernt zu bewundern.

Sonntag, 29. März 2009

Pfauenstolz


Im Kurpark trafen sich ein Pfau und eine Amsel. "Was bist denn du für ein armseliger Vogel?" fragte der Pfau spöttisch. "Ich bin nicht armselig," widersprach die Amsel. Da brüstete sich der Pfau mit dem Glanz, der Farbe und der Größe seiner Federn. Mit erhobenem Kopf stolzierte er durch die Beete auf die Bühne für die Kurkonzerte. Dort schnalzte er laut und schlug, auf und ab gehend, sein prächtiges Gefieder zum Rad. Die Amsel beobachtete das alles von einer Parkbank aus. Doch langweilte es sie bald, den Pfau zu bewundern. Sie flog auf und kreiste mehrmals über der Bühne, auf der der Pfau agierte. Dann stieg sie auf ins Blau des Himmels. Der Pfau sah ihr nach. Er mochte einen Moment lang bedauern, dass alle seine Schönheiten zur Hauptsache nicht taugten - zum Fliegen. Aber er war viel zu stolz auf sich, um darin eine Unvollkommenheit zu erkennen.

Samstag, 28. März 2009

Diskrepanz


In den 60er Jahren verdunkelte er sein Ansehen durch Kumpanei mit der CSU und reaktionären Kommentaren in der Springerpresse. Man war geneigt, ihn für peinlich zu halten. Sein Vater hatte ihn ja stets als Versager betrachtet. Sein Schulterschluss mit den damals Mächtigen gegen die aufmüpfigen Studenten passte dazu. Wenn man eines seiner Bücher in die Hand nahm, konnte man seine Haltung nicht einmal mehr mit Dummheit entschuldigen. Seine Deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert ist ein wunderbar kluges, blendend geschriebenes Werk. Und dann gar die umfangreiche Wallenstein-Biografie! Besser hat ein deutscher Historiker nie Forschung in Literatur verzaubert. Man fragte: Wie vereinbart sich diese Brillianz des Denkens und Formulierens mit einer Neigung zur Bierdimpfelei von Strauß und Co.? Was zog einen Mann seines Kalibers zum Lügen- und Radaujournalismus? Vielleicht kann es uns irgendwann ein Psychologe erklären. Der Schatten des Vaters, die Ängste eines Schulversagers, der Wunsch des Homosexuellen nach Anerkennung im Kreis der Rabauken - all das spielte vielleicht eine Rolle. Es ist jedenfalls Zeit, Golo Mann neu zu entdecken und seinen Frieden mit ihm zu machen. Er würde am 27. März 100 Jahre alt werden.

Freitag, 27. März 2009

Ruhe bewahren!


"Wenn du im Gleichgewicht bist, kannst du die Einzelheiten regeln. Wenn du das Einzelne regeln kannst, musst du nicht mehr von Aufgabe zu Aufgabe eilen. In dir wird Ruhe einkehren. Wenn in dir Ruhe ist, kannst du selbst im Angesicht des Tigers noch klar denken. Wer im Angesicht des Tigers klar denken kann, wird ihn besiegen."
Mong Dsi oder Mencius(372-289 v.u.Z.)

Donnerstag, 26. März 2009

Köhlerrede


Unser Bundespräsident hat wieder mal zum Volk gesprochen. Die Medien sind durchwegs begeistert. "Horst Köhlers große Rede an die Deutschen" titelt gar das Hamburger Abendblatt. Man möchte wissen, was denn so toll war an dieser Rede. Und man liest voll Ehrfurcht: "Die Krise ist eine Bewährungsprobe für die Demokratie." Da schau an! Weiter: "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt." Ehrlich? Darauf wäre man selbst ja gar nicht gekommen. Köhler: "Es braucht einen starken Staat, der dem Markt Regeln setzt." Genial erkannt. Auch: "Unser Schicksal liegt in unseren Händen." Ein Philosoph ist er also auch, der brave Mann Ach ja, zur Automobilkrise hat er auch etwas gesagt: "Ich habe großes Vertrauen in die Ingenieurskunst unserer Autobauer." Na, dann. Wahrlich, ein Präsident, wie ihn die Republik verdient.

Mittwoch, 25. März 2009

Jämmerlich


Man hätte Maxim Biller einen gleichwertigen Gegner gegönnt. Stattdessen überließ die Süddeutsche Zeitung dem Feuilletonisten Lothar Müller die Auseindersetzung mit seinen provozierenden und zugegebenermaßen polemisch überspitzten Thesen zur "Ossifizierung" Deutschlands. Die hätte man gern in ähnlich geschliffenen Formulierungen widerlegt gesehen. Nichts dergleichen. Der Artikel bietet nur persönliche Invektiven. Biller wird als "Schlappschwanz". "Jammer-Wessi" und "Klageweib" beschimpft. Diese Art der Diskussion hielten wir für überwunden. Wie man Biller kennt, wird er sich dadurch an den "Stürmer" erinnert und bestätigt fühlen. Objektiv muss man sagen, dass es 1:0 für Biller steht. Denn der SZ-Artikel, der ihn widerlegen sollte, bestätigt ihn. In dieser Art ist man in der Bonner Republik nicht mit Andersdenkenden umgegangen.